Linda März.

WiE ALLES BEGANN ...

snapshot_f5c804ec_75c85878.jpg picture by annoe_2007

In den Augen von Lucia glitzerten Tränen. Vater starrte - immer noch voller Zorn - in die Flammen des Kamins, die leise knisterndan den letzten Holzscheiten leckten. Doch ich achtete nur teilweise auf diese Szene, schmerzte meine Wange doch noch so sehr. Auch meine Augen brannten, doch ich wollte keine Schwäche zeigen.


"Henry ...", versuchte Lucia meinen Vater zu beruhigen. "Nein, nein!", schrie dieser und funkelte die Rothaarige böse an. "Merkst du das nicht? Jetzt ist es gleich wieder soweit, dass ich der böse Vater und du die Gute bist. Das ist ganz falsch. Stiefmütter sind die Schlechten und an den leiblichen Vater sollte sich das Kind halten. Aber nichts stimmt in diesen Märchen!"
Verwirrt blickte ich Henry an. Hatte er jetzt völlig den Verstand verloren?! Auch Lucia hatte es die Sprache verschlagen und nur ein leises "Aber ..." verließ ihren leicht geöffneten Mund.

"Nichts 'aber'! Du hast ja leicht reden. DU hast nichts mit Linda am Hut. Aber ich, ICH bin verantwortlich für sie. Verstehst du? Ich möchte nicht, dass sie die Familienehre in den Dreck zieht!"

Ein Geräusch, das nicht zuzuordnen war, aber meine Empörung zum Ausdruck bringen sollte, entfuhr mir.
"Entschuldige mal, Papa. Aber bloss, weil ich die zweite Klausur verhauen habe, heißt das noch lange nicht, dass nichts aus mir wird. Ich mache keine schmutzigen Geschäfte, die hinten und vorne stinken. Ich - an deiner Stelle - würde erst mal meine eigenen Dinge unter Dach und Fach kriegen, als mich anzuschnauzen. Denn du bist der Einzige, der hier eine Schande für die Familie ist!"
Henry schnappte nach Luft und schien für einen kurzen Momentan wie versteinert. Lucia saß noch immer im Sessel - unfähig sich zu bewegen und hin und her gerissen zwischen der Liebe zu ihrem Mann und der Zuneigung zu dessen Tochter.

"Meine einzige Tochter ...", zischte Henry und seine Hände ballten sich zu Fäusten.
"Oh nein, Vater. Nicht ich. DU hast alles kaputt gemacht. Mam hätte Hilfe gebraucht. Dann wäre sie auch nicht 'von der Straße abgekommen' und gegen den Baum gefahren. Sie hatte es nie leicht. Früher standest du hinter ihr. Aber irgendwann waren deine unnützen Geschäftsideen wichtiger. In dieser Zeit ist sie in ein bodenloses Loch gestürzt, dem nur du einen Boden hättest geben können."

Ich wusste, dass meine Rede Konsequenzen mit sich ziehen würde. Nicht heute, aber vielleicht schon morgen. Was kümmerte mich das? Ich war unabhängige 18 Jahre alt. Das Einzigste, was mich noch am elterlichen Haus hielt war Lucia.

Die Rothaarige aus Sim York war nicht - wie anfangs befürchtet - die böse Stiefmutter. Nein, sie entpuppte sich zur liebevollen Ersatzmama, die mir in jeder Lebenslage zur Seite stand.

Nur Henry hatte sich verändert. Nach dem Tod von Mama war er in ein Loch gekrochen und hatte sich noch mehr in die Richtung des fiesen Geschäftsmannes entwickelt. Ich, seine Tochter, war nur noch ein nutzloses Ding, was ständig schlechte Noten heimbrachte und wegen seiner Hautfarbe wohl nie angesehen sein würde in der Gesellschaft.


Nun, wie ich schon erzählte war Lucia das Einzigste, was mich noch hier gehalten hatte. 'Aber man muss Kompromisse eingehen können, wenn man ein neues Leben starten will!', dachte ich mit Kummer, während ich hastig einige Sachen einpackte und einen Abschiedsbrief schrieb.
Als ich fertig war, vergewisserte ich mich, dass draußen nichts zu hören war und legte meinen Brief auf den Esstisch.

Die Luft draußen war kühl, aber erfrischend. Irgendwo bellte ein Hund.
Nun war also die Zeit gekommen. Tränen und Umarmungen würde es keine geben. Ich wollte einfach nur weg. Ich drehte mich nichtmal mehr um. Allerdings mehr, weil ich den aufkeimenden Schmerz in meiner Brust bemerkte. Nein, ich würde nicht weinen. Auch wenn meine Zukunft nun ungewiss sein würde.

Statt langsam meinen Weg weg von der Familie und der Schule zu machen musste ich nun von heut auf morgen eine neue Bleibe und auch Arbeit suchen. Denn mit meinem geringen Budget, dass aus meinem Sparschwein kam, würde ich kaum eine luxuriöse Wohnung im Herzen der Stadt bekommen. Ich verfluchte mich - wobei, eigentlich eher meinen Vater - dass ich kein Konto hatte, auf dem für Notfälle Geld angesammelt wurde. Nein, mein Vater - der Optimist - war immer der Überzeugung gewesen, dass seine Familie reich war und bleiben würde.



Mein Weg hatte mich zu einem kleinen Hotel geführt, welches von außen genauso schäbig wirkte, wie von innen. Doch mehr war nicht drin. Wenigstens gab es auch um die späte Tageszeit noch eine heiße Dusche. Die Lampe versagte aber nach kurzem jammervollem Leuten. Auch ein lauwarmes Mahl warf ich noch ein. Dann zog es mich ins Bett, welches hart und unbequem war, mich aber dennoch nach wenigen Minuten ins Land der Träume brachte.

Am nächsten Morgen klopfte es unsanft an der Türe. 'NaNu ...', dachte ich. 'Einen Weckdienst hatte ich doch gar nicht bestellt.'
Nachdem ich kurz etwas übe gezogen hatte öffnete ich die Tür.
"LINDA! Endlich ..." Ich konnte kaum atmen, so fest drückte mich Lucia. "Linda, mein Engel! Komm nach Hause. Dein Vater hat sich wieder abgeregt. Er wird wütend sein ... aber du musst wissen, er liebt dich immer noch!"
So sehr ich mich über ihren Besuch gefreut hatte, so sehr ärgerte ich mich nun über ihren Unverstand.
"Lucia ... ich werde nicht wieder nach Hause gehen. Papa ist selbst schuld. Er hatte seine Chance. Ich werde ein neues Leben beginnen." "Aber ... aber das kannst du doch auch von zu Hause aus." "Nein. NEIN! Ich kann ihn nicht mehr sehen."
Nachdem ich das ausgesprochen hatte tat es mir schon wieder leid. Lucia hatte viel für mich getan und wollte immer nur mein Bestes. Und jetzt lies ich sie so kalt abblitzen.

"Kann ich wenigstens etwas für dich tun?", fragte Lucia, die langsam Begriff, dass ich mir das in den Kopf gesetzt hatte. Ich überlegte kurz. Und tatsächlich fiel mir da etwas ein, was ich noch nicht geklärt hatte.
"Ich glaube kaum, dass du eine Lösung weißt, aber ich bräuchte noch eine Wohnung, ein Zimmer oder so etwas." Diesmal schien ich doch Glück zu haben, denn Lucias Augen leuchteten kurz auf: "Ich, ich weiß etwas. Meine Mutter lebte bis vor kurzem am Rande von Sim York in Redlingen. Leider musste sie in ein Pflegeheim. Ihre Hüfte spielte nicht mehr so gut mit. Sie hat mir ihr kleines Häuslein überschrieben, aber ich habe es nie gebraucht. Ich glaube, es ist sogar ausgestattet mit Möbeln. Also ... Ich schenke es dir." Ich konnte meinen Ohren kaum trauen und drückte Lucia einen Kuss auf die Wange. Wir redeten noch eine Weile.

Bevor Lucia ging, drückte sie mir noch 500§ in die Hand. Ich wollte das Geld erst nicht annehmen, doch sie war schon weg. Ich glaub, ihr fallen Verabschiedungen genau so schwer wie mir.